Horst, aus Dir spricht die Seele eines Freigängers.
Wenn Du ein Leben lang nur Wohnungskatzen gehabt hättest, wüßtest Du, was ich leide. Es wäre ein leichtes für mich, Kimis Fluchtweg dicht zu machen, das tu ich ja nicht, weil ich merke, was es ihm bedeutet, aber wie Julia und Lina bin ich auch der Meinung, man muß die lokalen Gegebenheiten mit einkalkulieren. Nachts ist es hier nicht sicher.
Glaubst Du, ich könnte schlafen, wenn ich befürchten müßte, er liegt irgendwo angefahren und braucht Hilfe? Verletzt von einem Marder oder einem anderen Kater? Never. Ich habe meine Grenzen. Und eigentlich noch das Gemüt einer Puppenmutter. Für mich ist das gräßliches Neuland.
Heute hat es schon ordentlich gescheppert. Kimi scheint mit seiner neuen Herzensdame Lulu nicht glücklich zu werden.
Ich saß im Garten und hörte auf einmal Gesinge, Gefauche, gräßliches Geschrei und dann sauste Kimi wie eine Kanonenkugel aus dem Garten der Nachbarn mit Lulu - rüber über die Straße und auf ein anderes Grundstück. Ich stürzte natürlich raus, weil ich dachte, er hat vielleicht ein Ohr ab oder so, aber Kimi war unversehrt und wir üblich sehr ungnädig, mich überhaupt zu sehen. Er marschierte dann gleich ein Grundstück weiter, hat jetzt also schon vier Gärten in seinem Besitz.
Kurz darauf klingelte auch die Nachbarin des vierten Grundstücks. Ist das nicht Ihr Kimi??? Ich habe den da laufen sehen und der sieht so gut (wohlgenährt wahrscheinlich) aus, da dachte ich, der muß doch irgendwo hingehören. Habe ihr erklärt, daß Kimi eine Sondergenehmigung hat.
Eine Viertelstunde später wieder gräßliches Gekreische, Hundegebell.
Ich raus, Herrchen von Lulu raus. Zuerst konnte ich gar nicht begreifen, was ich sah. Die arme Lulu saß zitternd unter einem Auto und wurde von meinem Kimi bestalkt. Der Hund von gegenüber bellte dazu, weil er auch einen Kommentar abgeben wollte.
Lulus Herrchen und ich beschlossen uns nicht einzumischen. Aber obwohl Kimi offensichtlich andere Moralvorstellungen hat als ich, habe ich ihm gesagt, daß ich das mies finde, andere Katzen zu verängstigen.
Fünf Minuten später kam Kimi nach Hause, legte sich beiläufig neben den verwaisten Keke und spielte mit ihm. Blieb drei Stunden freiwillig im Garten, pennte in der Hundehütte. Irgendwie muß auch bei ihm ein Mißklang von diesem Abenteuer zurückgeblieben sein.
Danach war er noch mal weg, aber dann kam ein dicker Platzregen und alle sieben sausten rein. Das wars für heute. Mehr Freiheit gibt es heute nicht.
P.S.
Wenn er im Haus ist, ist es gut. Er macht keine Randale, plärrt nicht rum und kratzt nicht an den Türen. Das ist auch typisch Kimi. Er ist ein Meister der Anpassung an Situationen und andere Katzen.
Horst, warum sollte ich Kimi so behandeln wie anderen sechs?
Erstens behandele ich die ja nicht gleich, Tom z. B. darf abends noch zwei Stunden alleine raus. Und Kimi möchte eben mehr als die anderen, das versuche ich ihm zu geben. Dieses "ganz oder gar nicht" finde ich in unserem Fall nicht nötig. Wenn er drin ist, ist es ja gut, es geht eigentlich nur darum ihn beizeiten reinzubekommen.