Meine Geschichte, die sich vor etwa 20 Jahren zutrug, ist nichts für schwache Nerven. Bis heute habe ich sowohl die Bilder vor Augen als auch die Schreie im Ohr...
Ich radle einen breiten asphaltierten Wirtschaftsweg entlang. Links und rechts des Weges erstrecken sich weite offene Ackerflächen. Kein Baum , kein Strauch, kein nix. Nur Weg und Feld. Es ist hell, und die Umgebung ist - zumindest für mich - sehr gut überschaubar.
Von hinten setzt ein Autofahrer zum Überholen an, sein Tempo ist der Situation angemessen entspannt.
Was auch immer den hochschwangeren Feldhasen rechts, tief im Feld, zu einem plötzlichen Start aus der nicht vorhandenen Deckung bewog, weiß ich nicht. Aber seine (=ihre) aufgrund der zurückgelegten Strecke gut abzuschätzende Trajektorie würde ihn (=sie) über kurz oder lang quer über den Wirtschaftsweg führen.
Die sinnhafteste wie auch wahrscheinlichste Wegkreuzung lag klar und deutlich hinter uns, jedoch niemals vor dem Auto. Denn dazu lag der Hase - der zu dieser Zeit genau von der Seite auf uns zu rannte - in Relation zu überbrückender Distanz und verbleibender Zeit zu weit hinten.
Aber auch Tiere treffen falsche Entscheidungen, und die vom Hasen getroffenene war, uns - also das Auto und mich auf dem Rad daneben - überholen zu wollen, wohl um vor uns den Weg zu kreuzen. Er (=sie) war zu langsam.
Der Hase, bis dahin sicher die ganze Zeit im toten Winkel des Außenspiegels des Autos, prallte unterhalb der Türen gegen den Schweller und wurde - von der fatalen Kraft seiner (ihrer!) sich im Schwung befindlichen Körpermasse - unter das Auto und vor das rechte Hinterrad geschleudert. Und anders als der Fahrer des Autos, der erst mit dem Einschlag des Hasen der Situation gewahr wurde, hatte ich die ganze Zeit einen uneingeschränkten Blick auf das Geschehen (der mich im übrigen trotzdem nicht zu einer Änderung des unvermeidlichen Ergebnisses des Hergangs befähigte).
Während nun also links von mir der Hase überrollt wurde, rutschte der - durch das (vom Gewicht des überrollenden Rades ausgelöste) Zerquetschen des mütterlichen Körpers unerbittlich zwangsgeborene - Embryo vor meinem Vorderrad vorbei an den rechten Fahrbahnrand.
Ich hielt an, sah den Embryo sich winden und hörte hinter mir den Hasen gellend schreien. Auch das Auto hielt an, und ich sah dem vollkommen fassungslosen Fahrer in dessen schockgeweitete fragende Augen.
Die Frage, die Raum stand, war: Was nun?
Ich sah für den Fahrer und mich genau zwei Möglichkeiten: Entweder abhaken und weiterfahren oder noch einmal mit dem Auto zurücksetzen.
Wie handelst du nun in dieser Situation?